Der Park

Sie geht durch den Park! Schon seit Wochen, nein Monaten geht sie durch den Park.

So in der Dämmerung wenn es noch nicht richtig dunkel ist und sie die Gesichter der Männer, die ihr entgegenkommen noch halbwegs erkennen kann.

Seit damals, seit der Nacht in der alles geschah, geht sie durch den Park.

Immer wieder den gleichen Weg und immer wieder die gleiche Uhrzeit.

Sie hatte dazu gelernt.

Von der Polizei wusste sie, dass die Täter ihre Opfer manchmal vorher ausspionierten. Diesmal wollte sie der Täter sein, wollte ausspionieren, beobachten und dann …. zuschlagen.

So plötzlich und unvermittelt, wie der Täter bei ihr zugeschlagen hatte.

Sie war gut vorbereitet. In der rechten Manteltasche hatte sie das Pfefferspray, in der linken Manteltasche hatte sie ein kleines aber extrem scharfes Messer. Sie war überzeugt davon, mit einem raschen Schnitt unter Druck ausgeführt, würde sie das gewünschte Ergebnis auch diesmal wieder schnell erzielen können.

Deswegen das Messer auch in der linken Manteltasche. Sie war Linkshänderin, ihre ganze Kraft war also in der linken Hand.

Seit jener Nacht, in der sie hier im Park vergewaltigt wurde, ist weit mehr als ein Jahr vergangen und noch immer konnte und wollte sie nicht vergessen.

Natürlich war sie in therapeutischer Behandlung gewesen und gerade das, hat ihre anfänglichen Ideen der Rache noch geschürt.

Der Mann, der so hinterhältig über sie hergefallen war, ist davon gekommen. Dachte sie doch, sie würde ihn immer und überall wieder erkennen so kam es leider bis heute nie dazu, dass sie ihn wieder sah.

Also ging sie durch den Park! Schon seit Wochen nein Monaten ging sie durch den Park.

Bis jetzt glaubte sie, das Gesicht noch nicht erkannt zu haben. Den Gang und den Geruch dieses Mannes würde sie wohl nie vergessen.

Auch musste sie sich eingestehen, ihr erstes Opfer, ein leicht betrunkener Mann war so schnell außer Kraft gesetzt, dass es nicht wirklich eine Herausforderung war.

Es hatte in ihr aber ein bis dahin noch nicht gekanntes Hochgefühl ausgelöst.

Ein Rausch der Macht, der Macht, einen Mann in wenigen Sekunden zu keinem Mann zu machen.

Also ging sie durch den Park! Schon seit Wochen nein Monaten ging sie durch den Park.

Auf der Suche nach dem Richtigen und mit der Gier, dieses Gefühl der Macht ein weiteres Mal zu erleben.

Und da kam er auch schon. An seinem Gang konnte sie sehen, dass er nicht sehr viel Selbstvertrauen hatte. Seine ganze Haltung drückte dies aus.

Langsam steckte sie ihre Hand in die rechte Manteltasche und umschloss mit ihren Fingern das Pfefferspray.

Ihre linke Hand verschwand in der linken Manteltasche und fühlte den Metallgriff des scharfen kleinen Messers.

Endlich, endlich konnte sie diesen Rausch der Macht ein weiteres Mal erleben.

Endlich würde sie in wenigen Minuten einen Mann zu keinem Mann machen.

Morgen, dachte sie noch, morgen wird sie auf den Richtigen warten. Sie wird ihn am Gesicht, am Geruch und am Gang erkennen.

In der Tageszeitung vom nächsten Tag wird wieder stehen:

„Die verrückte aus dem Park hat wieder zugeschlagen“