Die Leiche im Teich

Wie jeden Morgen ziehe ich mich an, um meine Runden um den Teich zu walken. Es ist sechs Uhr und die Temperaturen sind um diese Zeit noch angenehm.

Und wie jeden Morgen ärgere ich mich über die vielen Gänse. Sie sitzen nicht nur auf dem Rasen sondern auch auf dem Weg und geben sich die größte Mühe, so viel wie möglich von diesem Weg mit ihrer grünen Gänsekacke zu verzieren.

Der Teil des Weges, an dem sich die Gänse aufhalten, lädt daher dazu ein, einen komplizierten Slalom-Lauf an den Tag zu legen, um Schuhe und auch Stöcke einigermaßen sauber zu halten.

Auch heute bin ich also gerade dabei meinen Slalom-Lauf zu starten, da fällt mir auf, dass die Gänse heute dicht am Wasser sitzen und nicht wie sonst um diese Uhrzeit damit beschäftigt sind auf dem Wasser ausgiebig zu gründeln.

Sie sind ruhig, zu ruhig für ein paar Gänse und für einen Moment überlege ich, ob ich zum Wasser gehen soll, um zu gucken was los ist.

Da ich aber schon mit Schwung dabei bin, den grünen Klecksen der Gänsekacke auszuweichen, habe ich im gleichen Augenblick das besondere dieses Momentes vergessen.

Ich walke meine erste Runde um den Teich, genieße die klare Luft und die angenehme Ruhe des Morgens.

Mein Kopf ist leer so wunderbar leer wie er immer ist wenn ich mich in Bewegung setze. Ich konzentriere mich darauf, Stöcke und Füße in Gleichklang zu bringen und habe im Nu meine erste Runde fertig.

Einige Meter vor dem zweiten Slalom-Lauf wappne ich mich in Gedanken schon darauf, mit sauberen Schuhen und Stöcken die Strecke zu überwinden und abermals fällt mir auf, dass keine Gänse auf dem Weg sind.

Diesmal bleibe ich aber wirklich stehen und schicke meinen Blick in die Runde. Wieder sitzen die Gänse alle dicht am Wasser und sind ruhig.

Ich mache die Halterungen der Stöcke von meinen Händen, nehme beide Stöcke in einer Hand und gehe mit dem Blick auf dem Rasen, um auch hier der viel beschriebenen Gänsekacke auszuweichen, runter zum Wasser.

Gemächlich als hätten sie alle Zeit der Welt heben die Gänse ihre Körper in die Höhe und machen mir Platz.

Ich sehe nichts!

Das Wasser ist dunkel und trüb und dümpelt in dem großen Teich so vor sich hin.

Die ersten Sonnenstrahlen brechen sich auf der Wasseroberfläche und bei genauerem Hinsehen, kann ich erkennen, dass das Wasser gar nicht so trüb ist. Ich sehe den dunklen Sand des Grundes und darüber das relativ klare Wasser und……..eine Hand.

Erst sehe ich nur die Hand, weil an der Hand ein großer goldener Ehering die Sonnenstrahlen im Wasser reflektiert.

Automatisch gehe ich ein paar Schritte ins Wasser, das hier noch sehr flach ist, beuge mich tiefer hinab um besser sehen zu können und erst jetzt sehe ich, das mich aus dem Wasser zwei große dunkle Augen anstarren.

Erschrocken trete ich einen Schritt zurück, auch die Gänse sind auf einmal nicht mehr da und ich fühle wie eine beginnende Panik in mir hoch steigt.

Hab ich das, was ich gesehen habe, auch wirklich gesehen.

Ich atme tief ein und weiß doch, ich habe das gesehen, was ich gesehen habe.

Mein erster Instinkt sagt mir – geh aus dem Wasser – Lauf weg.

Schnell mache ich ein paar Schritte rückwärts und stehe wieder auf dem festen Ufer.

Nochmal hole ich tief Luft und nochmal und nochmal.

Ich schaffe es nicht, meine Ruhe, die ich nach der ersten Runde walken immer in mir spüre wieder hoch kommen zu  lassen.

Um diese frühe Zeit sind kaum Menschen am Teich und ich weiß, ich muss noch mal reingehen und nachsehen.

Schnell und ohne lange nachzudenken, bewege ich mich wieder auf das Wasser zu und gehe zwei, drei Schritte hinein. Ich konzentriere mich auf die Wasseroberfläche und senke meinen Blick in die Tiefe und….. da ist es wieder. Erst eine Hand und als mein Blick an der Hand vorbei noch weiter in die Tiefe geht, sehe ich wieder diese großen starren Augen.

Diesmal bin ich mich sicher, dass ich das was ich gesehen habe, auch wirklich gesehen habe.

Nur diesmal renne ich aus dem Wasser und ohne noch weiter zu überlegen nehme ich mein Handy und wähle den Notruf.

Schnell atme ich ein paarmal tief ein, um meine Stimme zu beruhigen, dann erkläre ich mit hastigen Worten was passiert ist.

Eine ruhige Stimme am anderen Ende der Leitung sagt mir, bitte bleiben sie am Telefon, ich schicke ihnen gleich meine Kollegen.

Die Nacht davor

Wie immer nimmt sie abends die Hundeleine in die Hand und ruft nach Smothy und wie immer kommt er schwanzwedelnd angerannt und freut sich darauf, mit ihr rauszugehen.

Diese liebe Angewohnheit haben sie schon seit Jahren. Ihr Mann sitzt auf dem Sofa und sieht die Nachrichten und sie nimmt die Leine und geht mit dem Hund.

Kommt sie nach Hause, freut sie sich darauf, von ihrem Mann die neuesten Ereignisse zu erfahren und danach sahen sie sich für gewöhnlich noch einen Film oder eine Dokumentation an, bevor sie ins Bett gingen.

Auch heute war der Abend so geplant und sie freute sich darauf. Nach all den gemeinsamen Jahren liebte sie ihren Mann und wollte um nichts in der Welt ihr Leben ändern.

Draußen am Teich war alles wie immer. Sie ließ den Hund frei laufen und schlenderte ihm langsam hinterher.

Auf einmal hört sie ein Klatschen und hebt den Kopf. Smothy ist ins Wasser gesprungen und paddelt fröhlich vor sich hin.

Schnell geht sie zu ihm, um ihn dazu zu bewegen, wieder aus dem Wasser zu kommen und merkt nicht, wie von hinten ein großer Schäferhund angerannt kommt.

Sie bückt sich nach vorn, doch noch ehe sie Smothy aus dem Wasser holen kann, wird sie von hinten angesprungen, fällt ins Wasser und landet mit dem Kopf auf einen Stein.

Smothy, ganz aufgeregt weil Frauchen ins Wasser gekommen ist, merkt sofort das hier was nicht richtig ist. Frauchen bewegt sich nicht, Frauchen sagt nichts. Immer wieder stupst er sie an.

Von weitem ruft eine unbekannte Stimme, Hasso, komm hierher. Verdammt Hasso komm jetzt hierher.

Und Smothy bleibt bei Frauchen, die weiter ins tiefe Wasser gleitet und sich immer noch nicht bewegt.

Nach Stunden, in denen der Hund nicht von ihrer Seite gewichen ist, sinkt auch er kraftlos im Wasser zusammen und geht langsam unter.

Zu Hause

Wie immer, wenn die Tagesschau beginnt, nimmt seine Frau die Leine und geht mit dem Hund eine Runde um den Teich.

Er wollte sich die Tageschau ansehen und wenn seine Frau wieder da war, wollten sie gemeinsam einen Film anschauen.

Er sitzt in seinem Lieblingssessel, hat die Beine hochgelegt und wartet gespannt auf die Neuigkeiten des Tages.

Er hatte einen anstrengenden Tag im Garten hinter sich und freute sich auf den Abend mit seiner Frau. Dass er in seinem Lieblingssessel einschläft registriert er schon gar nicht mehr.