Autoren-Teamarbeit Christa Oemisch

Gestern war für sie die Welt noch in Ordnung.

Gestern hat sie noch gedacht, nichts könnte ihre Welt ins Wanken bringen.

Gestern, heute war die Welt nicht mehr in Ordnung, heute war sie ins Wanken geraten.

Nach einem anstrengenden Arbeitstag genoss Henriette wie gewohnt die Heimfahrt mit dem Fahrrad, von der Frima zu ihrer Wohnung in einem grünen Vorort der großen Stadt. Sie nutzte bewusst den Weg durch den Stadtpark, atmete die frische Luft tief ein und lauschte auf das Zwitschern der Vögel. Sie spürte, wie die Anspannng allmählich von ihr abfiel und freute sich auf einen gemütlichen Abend in ihren vier Wänden

Zuhause angekommen, öffnete sie die Haustür und trug ihr Fahrrad die Stufen hinunter in den Keller. Plötzlich nahm sie eine Bewegung wahr und hörte ein zaghaftes Maunzen. Aus dem Halbdunkel unter der Treppe kam eine Katze zum Vorschein. Sie schob sich zögernd ins Licht des Kellerganges und schaute Henriette mit großen Katzenaugen an. „Ein ziemlich junges Tier“, dachte Henriette. „Sie hat ein wunderschönes Fell, weiß mit rostbraunen Flecken – etwas struppig vielleicht“. „Na, meine Schöne, wie kommst du denn hierher?“, sprach sie das Kätzchen an. Sie schloss ihr Rad an und stieg die Kellertreppe hinauf ins Treppenhaus. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung stellte sie fest, dass die Katze ihr folgte. Sie hatte Henriettes freundliche Stimme offensichtlich als Einladung aufgefasst und strich der Frau um die Beine, während diese nach dem Wohnungsschlüssel suchte. Henriette unternahm den Versuch, das Tier ein Stück weit wegzuscheuchen, bevor sie die Tür öffnete und rasch die Wohnung betrat. Die Katze ging nicht auf das Ablenkungsmanöver ein und schlüpfte blitzartig an Henriette vorbei in die Wohnung. Dort lief sie sofort in einen der hinteren Räume und verschwand, ehe Henriette reagieren konnte. Henriette stellte ihre Arbeitstasche ab und machte sich auf die Suche nach dem Tier, konnte es aber nicht gleich finden. „Solch ein raffiniertes Biest!“, fuhr es ihr durch den Kopf. „Ich wette fast, die macht so etwas nicht zum ersten Mal!“ Henriette spürte Ärger in sich aufsteigen und sah ihren geplanten gemütlichen Abend in Gefahr. „Wahrscheinlich hat das Tier nur Hunger“, fiel ihr plötzlich ein. „Vielleicht werde ich sie wieder los, wenn sie etwas zu fressen bekommt“. Aber Katzenfutter hatte Henriette natürlich nicht im Hause. Entschlossen griff sie zum Telefon und rief ihre Freundin an, um bei ihr Rat zu holen. Sie überlegten gemeinsam und kamen zu dem Schluss, dass ein wenig Schmalzfleisch aus der Dose mit Brotwürfel und einem Schuss Milch vermischt ein Dosenfutter ersetzen könnte. Henriette bereitete die Mahlzeit zu und stellte das Schüsselchen auf dem Küchenfußboden ab. Während sie sich selbst einen Teller mit Abendessen auf den Tisch stellte, tauchte die Katze aus ihrem Versteck auf und ließ sich die Ersatzmahlzeit schmecken. Dann rollte sie sich zufrieden auf dem Teppich im Wohnzimmer zusammen und schnurrte leise vor sich hin.

Als Henriette ins Bett ging, zog sie gegen ihre Gewohnheit die Schlafzimmertür fest hinter sich zu. Sie nahm sich vor, am kommenden Tag im Haus herumzufragen, wem die Katze wohl gehören könnte. Sie war fest entschlossen, das Tier wieder loszuwerden. Am nächsten Morgen trug sie neben ihrer Arbeitstasche die Katze die Treppe hinunter. Bevor sie ihr Fahrrad aus dem Keller holte, öffnete sie die Haustür, lief in die Grünanlage des Nachbarhauses und setzte ihre unerwünschte Besucherin dort ab. Sie passte auf, dass das Tier ihr nicht etwa folgte. Ihr Herz tat einen Hüpfer: „Problem gelöst“, stellte sie fest. „Das wäre ja noch schöner, wenn sich solch ein Frechdachs einfach so in mein Leben einschleichen würde“.

Als sie abends nach der Arbeit ihr Rad in den Keller getragen hatte und frohen Mutes ihre Wohnungstür aufschließen wollte, saß die Katze bereits davor und schaute sie erwartungsvoll an. Henriette glaubte plötzlich, ein teuflisches Grinsen in dem Katzengesicht zu erkennen.

Problem gelöst????

Oder hatte ihr Leben gestern eine unvorhersehbare Wende genommen???

Eine Weile verharrte Henriette wie gelähmt vor ihrer Tür. Dann machte sie kehrt, rannte die Treppe hinunter und stürzte aus der Haustür ins Freie. Sie rief ihre Freundin an und vereinbarte mit ihr einen Treffpunkt im Café um die Ecke…..

Geschrieben von Christa Oemisch. Ehrenamtliche Mitarbeiterin aus dem „Frauen-Zimmer“, Gothestraße 12 in Wolfsburg.