Hermann

Wie gehetzt lief sie durch die Strassen. Sie wusste, dass es vorbei war. Sie hatte es ja so ge­wollt.

Nach dem Gespräch mit ihrem Arzt war ihr klar, das sie was tun musste, nur das sie auf sol­che Ideen kommt, das war ihr selbst nicht klar.

Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes hatte sie nur noch für die Kinder gelebt.

Ein neuer Partner war für sie jahrelang undenkbar, ein Stiefvater für ihre Kinder schien ihr eine schier unmögliche Alternative. Wer konnte schon einen so guten Menschen wie ihren Mann ersetzen.

Jetzt jedenfalls lief sie durch die Strassen und wartete.

Einer genauen Terminabsprache sah sie sich nicht gewachsen. Wer kann schon sagen, brin­gen sie mich bitte am Donnerstag um 14°° Uhr um.

Nach reiflichen Überlegungen kam sie zu dem Entschluss, dass ihr Tod die beste Lösung ist.

Ihre Tochter war glücklich verheiratet – ohne Kinder – aber, glücklich verheiratet.

Ihr Sohn war ein ewiger Junggeselle und würde es wohl auch bleiben. Mehrere Versuche auch ihrerseits, ihren Sohn an die richtige Frau zu bringen sind gescheitert.

Der Mann der in den letzten Jahren an ihrer Seite war, war der beste Freund ihres Mannes, der auch sie in allen Lebenslagen beraten hat. Ein guter Freund, aber nie die wirkliche Liebe.

Überhaupt hatte sie sich nie richtig um Hermann gekümmert, er war eben immer da, wenn sie ihn brauchte. Über ihn musste sie nicht nachdenken.

Sogar jetzt war er in ihre Pläne eingeweiht. Er war es auch, der sich um die Angelegenheit kümmern wollte. Sie hatte ihm nur gesagt, sie möchte erschossen werden, weil das am schnellsten geht. Wie er sich kümmern wollte hat sie nicht gefragt.

Sie liebte die Bücher von Mary Higgins Clark. Spannende Krimis die sie jedes Mal regelrecht verschlungen hat. Dort starben die Menschen schnell und schmerzlos und sie hatte Hermann gebeten, wenn schon sterben dann so.

Sie hatte Hermann auch gesagt, es soll nicht zu Hause passieren. Wenigstens hier wollte sie sich sicher fühlen.

Ein letztes Mal wollte Sie heute durch die ihr vertrauten Strassen gehen und ihre Lieblingsge­schäfte aufsuchen.

Sie hatte sich heute besonders schön gemacht und eigentlich wollte sie schlendern und nicht so gehetzt durch die Straßen laufen. Bei den Schuhen würde sie dieses Tempo auch nicht mehr lange durchhalten.

Ein paar Mal wollte sie noch so die Bilder der Stadt in sich aufnehmen. Nichts wollte sie ver­gessen, wenn es so weit war. Schließlich hatte sie in dieser Stadt ihren Mann geheiratet, ihre Kinder groß gezogen und ihren Mann auch wieder verloren.

Eigentlich wollte sie ihre Beerdigung noch zu Lebzeiten arrangieren. Doch dann wurde ihr bewusst, das dass auffallen würde und so besprach sie nur das nötigste mit Hermann.

Heute Abend würde Sie Hermann noch einmal anrufen. Ein paar Kleinigkeiten wollte sie noch von ihm erledigt wissen.

Als sie hoch guckte, stellte sie überrascht fest, das sie vor dem größten Kaufhaus stand, das diese kleine Stadt zu bieten hatte.

Und wenn sie schon mal hier war, dann konnte sie gleich nach oben ins Restaurant fahren und eine Kleinigkeit essen. Mit vollem Magen müsste sie ihre Schritte automatisch etwas langsamer setzen.

Oben angekommen entschied sie sich dann aber doch für eine leichte Gemüseplatte und ein Wasser.

Als sie vor Ihrer Gemüseplatte saß und anfing zu essen, fühlte sie sich irgendwie beobachtet. Sie guckte hoch, konnte aber niemanden den sie kennt entdecken. Trotzdem fühlte sie sich irgendwie unwohl.

Nach dem Essen wollte sie so schnell wie möglich nach draußen und so lief sie im Eilschritt zur Rolltreppe. Vor ihr rannten ein paar junge Bengels die Rolltreppe herunter und sie benei­dete sie noch um ihren jugendlichen Leichtsinn als sie auf einmal merkt, dass sie das Gleich­gewicht verliert und vornüber fällt.

War sie mit dem Absatz ihres Schuhs stecken geblieben?

Der Gedanke verliert sich und durch die Unvermutetheit des Sturzes kommt sie gar nicht auf die Idee Halt zu suchen.

Beim runterfallen überschlägt sich ihr Körper aber schon nach dem ersten Aufprall auf den scharfen Kanten der einzelnen Stufen bricht sie sich das Genick. Sie hat kaum was gespürt. Ja noch nicht einmal der Gedanke wurde zu Ende gedacht.

Und oben an der Rolltreppe steht Hermann.  Der Hermann über den sie nie nachgedacht hat, weil er ja sowieso immer da war.

Gestern noch war das Leben von Hermann normal. Er liebte diese Frau, die da vor ihm auf den Stufen lag, wie keine andere Frau jemals zuvor. Für sie war er zum Mörder geworden.

Er wusste, dass sie nicht so für ihn empfand wie er für sie. Nie hatte sie ihren toten Mann vergessen und er war immer nur der Ratgeber an ihre Seite und der Helfer in der Not.

Nachdem die ersten in Panik gerieten und schnell von der Rolltreppe weg wollten, kamen jetzt immer mehr Menschen auf die Rolltreppe um zu helfen.

Hermann stand an der Rolltreppe und wartete. Er wartete darauf, dass jemand brüllt „Ich habe gesehen, wie er die Frau gestoßen hat“ aber nichts dergleichen geschah.

Er konnte gar nicht glauben, dass keiner ihn gesehen hatte.

Jetzt kamen auch Sanitäter und ein Arzt herbeigeeilt aber Hermann wusste dass sie nichts mehr machen können. Er hatte bei ihrem Sturz ganz deutlich gehört wie die Knochen knackten. Er vermutete dass ihr Genick gebrochen war und gleichzeitig war er froh, dass es so schnell ge­gangen ist.

Er hatte es nicht wirklich für heute geplant und war überrascht, als er sah, dass sie heute in der Stadt unterwegs war.

Der Entschluss, es gleich hier auf der Rolltreppe zu versuchen, kam ganz spontan.

Ursprünglich hatte er an eine Pistole gedacht aber dann fehlte ihm doch der Mut. Er hätte ja auch abdrücken müssen.

Manchmal ist es wohl besser, seinen spontanen Eingebungen zu folgen und eben diese sagten ihm, er solle aufs Dach gehen und runter springen.

Warum auch nicht. Er hatte alles getan, was sie von ihm erwartet hat.

Ihre Kinder waren erwachsen und selbstständig und er selbst hatte keine Kinder. Er hatte nur für sie gelebt und immer nur darauf geachtet, dass sie glücklich war.

Wenn sie glücklich war, dann war er es auch.

Wenn sie nicht mehr lebt, dann wollte er auch nicht mehr leben.

Fast automatisch setzte er einen Schritt vor den nächsten bis er oben auf dem Dach stand. Ohne zu zögern oder noch weiter nachzudenken sprang er.